Sisyphusarbeit am Roten Berg

Über alle Geschosse reckt sich das Baugerüst in die Höhe. Die Fassade des Gebäudes Karl-Reimann-Ring 6 am Roten Berg wird saniert, genauer gesagt, ist das bereits der dritte Bauabschnitt. Die übrige Fassade erstrahlt bereits in neuen Balkonfarben. Auf den ersten Blick sieht sie nicht merklich verändert aus, jedenfalls nicht aus der Entfernung. Was also rechtfertigt eine Bauzeit von fünf Monaten? 

Sven Lorber Teamleiter bei der Wohnungsbaugenossenschaft Zukunft, der das Gebäude gehört, erklärt es. Schäden am Beton – Risse, Abplatzungen und Löcher, die sich im Laufe der Jahrzehnte gebildet haben – sind dafür verantwortlich, dass teilweise der in den Platten eingeschlossene Stahl offen liegt. Der wiederum korrodiert durch Witterungseinflüsse und ihn gilt es zu schützen, denn von ihm hängt die gesamte Statik eines Plattenbaus ab – er bildet zusammen mit dem intakten Beton als Verbundbaustoff dessen Tragwerk. Die Aufgabe besteht also darin, den Stahl wieder vollständig von Beton umschließen zu lassen und Fehlstellen im Beton auszubessern. Dies wird durch eine umfassende Betonsanierung einer qualifizierten Fachfirma realisiert. Je nach Tiefe der Abplatzungen und Löcher müssen dazu zwei bis drei Schichten aufgetragen werden einschließlich eines Korrosionsschutzes für den Stahl.

Aus drei Schichten besteht eine solche Betonplatte: aus der Tragschale, der Dämmung und der Wetterschutzschale. Die Platten wurden einst im Betonwerk industriell gefertigt. In die Wetterschutzschale wurde eine Bekiesung eingarbeitet – also die kleinen unterschiedlich farbigen Kiesel, die die Optik der Fassade prägen. „Die Bekiesung ist noch in Ordnung und ist ein Teil der Wetterschutzschale. Sie ist langlebig und sehr resistent gegenüber Umwelteinflüssen und Verschmutzung“, erklärt Sven Lorber.

Am Giebel wird eine Wärmedämmfassade angebracht. Auf einem Aluschienensystem werden Eternitplatten verankert, dazwischen wird eine nicht brennbare Mineralwolldämmung eingebracht. Die Giebelfassade wird sich also auch optisch stark verändern.

Auch an den Balkongeländern, insbesondere an den Betonriegeln und an den Fußpunkten, wo die Geländerpfosten befestigt sind, hat der Zahn der Zeit genagt. Manche Betonriegel müssen statisch mit Stahlwinkeln und Konsolen nachgesichert werden. Gemeinsam mit einem Statiker wurden die entsprechenden Maßnahmen vor Ort festgelegt. 

DDie Balkonböden werden ebenfalls umfassend in die Kur genommen: Löcher verspachtelt und schließlich eine witterungsbeständige Epoxydharzbeschichtung aufgetragen. Die Balkongeländer werden entrostet und gestrichen. Eine neue Verkleidung aus farbigen Aluminiumwellen wird anschließend angebracht. Auch die Balkonwände erhalten nach der Sanierung des Betons einen neuen Farbanstrich. Und dann sind noch die Fugen zwischen den Platten dran. Der ursprünglich verbaute Dichtstoff muss herausgestemmt und durch einen Dämmstoff ersetzt werden. Abschließend wird jede Fuge in der vertikalen und horizontalen Ausrichtung und an den Balkonen mit einem Polysulfitband abgedichtet – haltbaren, elastischen Fugenbändern.

UUnterhalb des Daches wird die Belüftung der Drempel erneuert. Metallgitter sorgen für eine gute Durchlüftung im Dachbereich, was bauphysikalisch notwendig ist. Die gesamte Sanierungsmaßnahme wird durch eine Baubiologin begleitet, damit Fledermäuse und Mauersegler, die unter Naturschutz stehen, nicht beeinträchtigt werden. Sie erhalten nach der Sanierung Ersatznistkästen.

Aus nächster Nähe betrachtet wird ersichtlich: Diese Sanierung ist eine Sisyphusarbeit. Stück für Stück, Zentimeter für Zentimeter arbeiten sich die Handwerker an der Fassade ab. Und das auf rund 13.300 Quadratmetern Fassadenfläche. In jeder Etage ähnliche Bilder – Abplatzungen, zu dämmende Fugen, zu sanierende Balkone. Mit der Kamera wird festgehalten, was man von unten nicht sehen kann. Hier muss ganz sensibel und gründlich vorgegangen werden.

2,5 Millionen Euro kostet die Sanierung des gesamten Gebäudes, pro Quadratmeter Wohnfläche sind das rund 128 Euro. Kosten, die im Übrigen nicht auf die Mieten umgelegt werden. Die Bilder zeigen, mit welcher Akribie hier gearbeitet wird.

Autor: B. Köhler   Fotos: S. Forberg, WBG Zukunft

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis