Die Baggerseen im Erfurter Norden (Teil 1)
So entstanden unsere Wohngebiete

Es ist ein Jahrhundertsommer dieses Jahr. Damit rücken auch Freibäder, Badeseen und -strände stärker in den Fokus, eilen doch Besucherzahlen von Rekord zu Rekord. Der Erfurter Norden hat in Sachen Badestrand viel zu bieten – den Nordstrand, das Strandbad Stotternheim und den Alperstädter See, auch wenn letzterer bereits außerhalb des Stadtgebietes liegt. Die Seenlandschaft ist zudem geologisch hochinteressant. Wir haben uns deshalb mit einem Experten verabredet – Dr. Heinrich Gesang ist Geologe im Ruhestand. Er kennt sich bestens aus mit Kiesvorkommen und der Seenlandschaft. Denn das eine ist ursächlich für das andere.

Aber der Reihe nach: Rund 330 Hektar nimmt derzeit die Wasseroberfläche der Erfurter Seen insgesamt ein, am Ende werden es ca. 500 Hektar sein. Die Seen wachsen, weil sie sog. Baggerseen sind, also entstanden und weiter entstehen durch das Schürfen von Kies, der unter dem Mutterboden lagert. Das dann sich ansammelnde Grundwasser lässt solche Seen entstehen.

In den Jahren 1961 bis 63 wurde erstmals das Geologenteam um Heinrich Gesang damit beauftragt, zu analysieren, wie groß die eiszeitlichen Kieslagerstätten überhaupt sind. Dazu wurden rund zweihundert Bohrungen durchgeführt und die Wasserstände erfasst, denn Kies ist nicht nur ein wertvoller Rohstoff für die Bauwirtschaft, sondern auch ein großer Wasserleiter, was wiederum wichtig ist für die Landwirtschaft. Festgestellt wurde damals, dass es im jungpleistozänen Geratal zwei große Kiesschüttungen gibt – eine auf der Achse Erfurt – Stotternheim – Alperstädt, wo einst der Flussverlauf der Gera lag. Die zweite entlang des heutigen Geralaufes in Richtung Kühnhausen und Elxleben. Die erstgenannte Kiesschüttung ist teilweise bis zu 16 Meter mächtig, letztere nur rund vier bis sieben Meter.

Was die Geologen damals bereits erkannten: Ausgerechnet auf den mächtigen Kieslagern war Löß ‚angeflogen‘ und es bildeten sich enorm fruchtbare Böden, wie Heinrich Gesang erklärt. Damit ergab sich ein gewaltiges Problem: Wollte man Kies schürfen, bedeutete dies einen massiven Entzug landwirtschaftlich bestens nutzbarer Flächen. „Darüber waren wir uns im Klaren.“, blickt der Geologe auf den Beginn der Entwicklung zurück. „Nur fünf bis sechs Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen in der Bundesrepublik sind so fruchtbar, haben solche Bodenwertzahlen.“

In einem nächsten Schritt wurde der Kies – seine Körnung und sein Kornaufbau – auf Eignung für die Herstellung von Beton hin untersucht. Die Ergebnisse sprachen eine eindeutige Sprache und mochten die Geologen auch damals noch im Zweifel darüber sein, ob es sich bei Kies tatsächlich um einen wertvollen Bodenschatz handelt, wie Heinrich Gesang berichtet, die Bauindustrie sollte sie bald eines Besseren belehren: Der Kies wurde zum geschätzten Rohstoff aus dem sich Wohnungs- und Straßenbau speisten. Aus dem Kies des Erfurter Nordens wurden mithin seine Neubaugebiete vom Johannesplatz, über das Rieth bis zum Moskauer Platz. Und deren Straßen und Wege. Wenn man so will entstanden die modernen Teile unseres Stadtgebietes aus dem hier lagernden Kies. Das Betonwerk Erfurt Nord, das Plattenwerk des damaligen Wohnungsbaukombinates und das Straßen- und Tiefbaukombinat wurden zu Hauptabnehmern. Innerhalb nur eines Jahrzehnts wurden schon damals mehr als zwei Millionen Tonnen Kies pro Jahr abgebaut.

Moderne Technik hielt Einzug, um die Aufbereitung des Kieses zu einem technologisch wertvollen Endprodukt werden zu lassen. Für die Bauindustrie im Raum Erfurt bedeuteten die Kiesvorkommen eine langfristige Absicherung mit Baurohstoffen. Der Wermutstropfen: Für die Landwirtschaft gingen fruchtbare Böden verloren. Die gute Nachricht: Die entstandenen Baggerseen haben das Potenzial für eine hochinteressante Landschaft, in der Menschen sich erholen können und Tiere ein neues Zuhause finden. Die konzipierte und teilweise bereits umgesetzte Nutzung der Seen reicht von Badestrand bis Natursee – von Freizeitstätte bis Biotop.

– Fortsetzung folgt –

Autor: B. Köhler   Fotos: S. Forberg

Dr. Heinrich Gesang war Präsident der Thüringer Landesgesellschaft für Geologie. Sein Team analysierte Anfang der 1960er Jahre die Kiesvorkommen im Erfurter Norden.

Alperstädter See

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