Geschichte und ihre Zeugen

75 Kilometer Länge hat der Gera-Radweg. Vom Thüringer Wald führt er bis nach Gebesee. Er läuft entlang des Flusses durch unseren Stadtteil. Auch im weiteren Verlauf Richtung Norden gibt es Interessantes zu entdecken. Auf der Homepage www.gera-radweg.de gibt es eine beachtenswerte Empfehlung:

An der Ortsdurchfahrt Elxleben steht ein markantes Gebäude. Weil es so besonders ist, steht es unter Denkmalschutz. Sechs Schlote ragen in den Himmel und trotz seiner Größe ist das Gebäude nur ein Teil des einstigen Ensembles einer großen Ziegelei und eines großen Kalkwerkes. Wir sind verabredet mit dem Eigentümer dieses Industriedenkmals, Walter Voigtritter. Sein Großvater hatte 1909 die ‚Dampfziegelei und Kalkwerke Emil Voigtritter Elxleben‘ gegründet. Wir tauchen ein in die Geschichte eines Werkes, das die Entwicklung des Ortes im letzten Jahrhundert mitgeprägt hat.

Dazu ist wichtig zu wissen, dass der Boden in und um Elxleben einige Besonderheiten aufweist. Er ist sehr fruchtbar mit hohem Anteil an Löß und Lehm. Unter dieser Bodenschicht befinden sich in der geologischen Formation des Keuper entstandener Heldburggips, Tonsteinlagerungen und noch weiter darunter Muschelkalk. Steinbrüche, die heute nahezu vollständig verfüllt sind, befanden sich rechts und links der Straße nach Witterda. In der Tongrube am Geiersberg wird bereits seit Jahrzehnten kein Ton mehr abgebaut. Dort entspricht das Material dem der Tongrube am Roten Berg in Erfurt. Diese Rohstoffvorkommen waren essentiell für die Entstehung der industriellen Ziegelherstellung und der Kalk- und Gipsproduktion in Elxleben. Insgesamt fünf Kalkmühlen gab es im vorigen Jahrhundert im Ort.

Aber zurück zu den sechs Schornsteinen am historischen Gebäude. Die gehören zu sechs Kalkbrandöfen. Das dort zu brennende Material – Kalkstein und Heldburggips – wurde in jenen Steinbrüchen mittels Sprengung gelöst und in kleinen, schwenkbaren Waggons, sog. Loren, auf Schmalspurgleisen direkt bis ins Werk gebracht. Sie wurden über eine schräge Ebene, eine Laufbrücke, an die Ofenschächte gefahren. Dort wurde das Material abgekippt, mit Kohle vermischt und gebrannt. Nach dem Brennprozess wurde das Gestein mit einem Schrapper – so die fachgerechte Bezeichnung für einen stählernen Schaber – über eine Seilwinde einem Brecher zugeführt, der es auf Schottergröße zerkleinerte. Danach ging es über einen Elevator in Becherketten mit einer Geschwindigkeit von einem Meter pro Sekunde nach oben in die Hammermühlen, wo es weiter zerkleinert wurde. Das gemahlene Gut schließlich lief über große Trichter, wurde gewogen und in Säcke gefüllt. Auf Bahngleisen (nicht die der Kleinbahn-Loren) liefen Eisenbahnwaggons direkt vom Werk weg mit dem nun fertigen Baumaterial. Auf gleichem Weg, nur in umgekehrter Richtung wurde die Kohle zum Brennen geliefert. Das Endprodukt war neben Kalkputz für den Bau der ‚Elxlebener Sparputz‘. Der wurde u.a. für Stuckfassaden und -decken eingesetzt, war von hoher Qualität und weit über unsere Region hinaus bekannt und begehrt. Und doch war diese Produktion nur der kleinere Teil des Voigtritterschen Werkes.

Ende der 1960er Jahre wurde ein 60 Meter hoher Schornstein in Elxleben gesprengt. „Der Schornstein hatte die Aufgabe, ordentlich Zug in den Ringofen zu bringen.“, erklärt uns Walter Voigtritter: „Er war höher als der Kirchturm.“ Der gigantische Schlot gehörte zur Ziegelei, die bereits 1958 abgerissen worden ist. Sie war ursprünglich der größere und wichtigere Teil des Werkes von Emil Voigtritter. Über den Öfen wurden die Ziegelsteine getrocknet, die Wärme des Ringofens und die Abwärme der Dampfmaschine nutzend. Zudem gab es separate Trocknungshallen, wo die Ziegel mittels Frischluft getrocknet wurden.

Bis 1972 wurde die Kalkmühle betrieben, danach als Lager von der LPG genutzt. Bereits drei Tage nach Ende des Krieges durfte das Werk die Produktion unter amerikanischer Ägide wieder aufnehmen. Auch die dafür erforderlichen Sprengungen in den Steinbrüchen wurden gestattet – ein Vertrauensbeweis für die Unternehmensführung. Und die Produktion war wichtig, um Baumaterial zu haben.

Kurze Zeit später allerdings wurde der Nachfolger des Gründers Emil, sein Sohn Walter Voigtritter sen., der damals die Geschicke des Werkes leitete, wegen angeblicher Steuerhinterziehung in Untersuchungshaft genommen. Er hatte Material ohne Bezugsscheine, die damals vorgeschrieben waren, abgegeben. Er hatte den Empfängern vertraut, die diese nachreichen wollten, berichtet Walter Voigtritter bewegt. In Haft erkrankte sein Vater schwer, wurde zunächst ins städtische Krankenhaus verlegt, dann todkrank entlassen. Zu Hause verstarb er 1949 im Alter von nur 52 Jahren. Späterhin wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Seine Frau Gertrud leitete von da an das Werk mit immer größer werdender staatlicher Beteiligung. Blieb zunächst der landwirtschaftliche Hof noch übrig, in dem später die LPG ihren Ursprung hatte, reduzierte sich das Eigentum der Familie letztlich auf das Haus. Da es der Mutter unmöglich war, es zu erhalten, verkaufte sie es an die LPG. Nach der politischen Wende kaufte es die Familie zurück und sanierte das Gebäude.

Autor: B. Köhler Fotos: S. Forberg

Heute das Dach eines als Garage genutzen Nebengelasses, damals die Laufbrücke, über die die Loren bis an die Ofenschächte das Gestein brachten.

Um 1930 wurde das Gebäude der Kalkmühle umgebaut, erhielt ihr pyramidenförmiges Dach, um die Becherwerke hoch genug ziehen zu können. Das vereinfachte die technologischen Abläufe.

Der ehemalige Lokschuppen existiert heute noch.

Heute noch erhalten: Fünf Kipploren

In den Schlot geschaut

Ein Drehteller fungierte als Weiche für das innerbetriebliche Rangieren der Loren.

Kleinbahngleise im Werk für die Kipploren.

Vom Trichter in die Säcke auf Dezimalwaagen

Über mehrere Stockwerke erstreckte sich die Produktion.

links Travertin, Lößkindel, rechts Gips

Muschelkalk mit Ammonitrest

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