Ansicht vorn

Neues Leben für altehrwürdiges Haus

Ein halbes Jahrhundert schon steht das Amtmann-Kästner-Haus am gleichnamigen Platz in Gispersleben leer. Jetzt wird das denkmalgeschützte, fast zweieinhalb Jahrhunderte alte Gebäude einer Generalsanierung unterzogen, nachdem es bereits über lange Zeit gegen Einsturz gesichert werden musste. Das Haus an solch prominenter Stelle wird unter Maßgaben der Denkmalbehörde detailreich und geradezu liebevoll vom Eigentümer in die Kur genommen. Insgesamt sechs Wohnungen entstehen von knapp 70 bis rund 114 Quadratmeter Wohnfläche. 

Die Fundamente sind bereits ertüchtigt und die Grundleitungen neu verlegt worden. Der Kellerzugang musste neu gemauert werden, hier war ein Teil des Gebäudes trotz Sicherung eingestürzt. Die Balken des Fachwerkes haben Erstaunliches geleistet und das Gebäude trotz undichten Daches, beschädigter Fassade und anderer Widrigkeiten getragen. Jetzt werden alle schadhaften, nicht mehr tragfähigen  Teile – und das sind eine ganze Menge – ausgetauscht. Erhaltenswürdige Elemente wurden abgebeilt, also grob abgeschlagen, insbesondere um Spuren alten Holzwurmbefalles zu beseitigen. 

Um aufsteigender Feuchtigkeit von unten entgegenzuwirken, wurde das Tragwerk angehoben und eine Sperre fachgerecht eingebaut. Wärmegedämmt wird mit Naturmaterial. 

Die Gefache werden mit Lehmsteinen ausgemauert. Der alte Lehmputz wurde abgetragen, wird aufbereitet und wieder eingebaut. Überhaupt verwendet Eigentümer Sven Bodewald, der sein Faible für alte Häuser zum Beruf gemacht hat – viel Energie auf die Erhaltung wiederverwendbarer Baustoffe, z.B. in die Aufarbeitung alter Holzelemente und die Restaurierung der nur noch in Fragmenten vorhandenen Stuckdecken. So erschafft er ein unverwechselbares Ambiente: Wohnen in denkmalgeschützten Mauern in Synergie mit dem Komfort der Neuzeit.

Die Fassade zum Amtmann-Kästner-Platz hin wird originalgetreu wiederhergestellt. Besonderes Augenmerk richtet Sven Bodewald unter anderem auf das noch in diesem Herbst zu sanierende Dach. So sollen die sog. Fledermausgauben erhalten bleiben. Fachleute sprechen bei dieser Gaubenart, die sich organisch in die Dachkonstruktion einfügt, von der ‚Königsdisziplin‘ im Gaubenbau. Sie ist eine der aufwendigsten Gaubenformen – sowohl was die Zimmermanns- als auch die Dachdeckerkunst betrifft. 

Ein weiteres, interessantes Unterfangen ist die Wiederverwendung der Original-Dachziegel auf der Dachseite zum Ammann-Kästner-Platz hin. Ob es gelingt, ausreichend erhaltbare Dachziegel zu finden, aufzuarbeiten und für die Neueindeckung zu verwenden, ist offen und bedarf noch der Prüfung. 

Auch das Tor im vorderen Drittel des Hauses wird aufgearbeitet und dort, wo es nicht mehr zu retten ist, durch originalgetreue Nachbauten ersetzt. Die Tür im hinteren Drittel wird auf gleiche Weise in die Kur genommen. An einer Wand stehen alte Fenster aufgereiht. Sie bilden die Vorlage für den Tischler, für die neu herzustellenden Fenster.

Im Inneren der Räume werden alte Türen dort, wo sie sichtbar bleiben, restauriert. An anderer Stelle, nämlich dort, wo die Wohnungen voneinander abgeteilt werden, werden die Türen gemäß Denkmalschutzvorgabe erhalten, verschwinden aber hinter einer Trockenbauwand. Nur so können die Anforderungen an den Schallschutz erfüllt werden. 

Zum Hof hin erhält jede Wohnung einen separaten Zugang, Gemeinschaftsflure wird es nicht geben. Aus dem Obergeschoss führt der Weg über einen neu anzulegenden Laubengang. Symmetrisch und großzügig angelegt dient er zugleich als Freisitz, respektive Balkon. Die Wohnungen im Erdgeschoss bekommen ebenfalls eigene Zugänge. Auch an Möglichkeiten für die Unterbringung von Fahrrädern, Werk- oder Spielzeug ist gedacht. Die Privatsphäre wird durch Sichtschutz gewahrt.

In rund einem Jahr wird dieses altehrwürdige Haus im Herzen Gisperslebens in neuer bzw. alter Schönheit erstrahlen. Es wird das glückliche Ende einer langen Odyssee.

Autor: B. Köhler Fotos: S. Forberg

 

 

Ansicht hinten

 

Zustand 2018

 

 


2021

Vollständig eingerüstet

 

 

Die Rückfront

 

Aufgearbeitetes Balkenwerk

 

Hinter dem Tor 

 

Stuckdeckenfragment

 

Fensteroriginal

 

Tür mit beidseitig eingelassenen Einbauschränken wird aufgearbeitet

 

Zimmerfluchten

 

 

Neu ergänzt alt

 

Balkenwerk wurde angehoben, Sperre gegen aufsteigende Feuchtigkeit eingebaut 

 

Alter Lehmputz wird auf- und wiederverarbeitet

 

 

abgebeilte Balken

 

Originalfenster als Muster für den Tischler, der sie nachbauen wird

 

Geländer wird künftig Schmuckelement

 

Einst aufwändig gearbeitete Türbögen werden erhalten.