Schlichten, helfen und kümmern
Reportage über die Polizeiarbeit im Erfurter Norden, Teil 2

Letzte Woche haben wir der Polizeiinspektion Nord einen Besuch abgestattet und durften einen Blick hinter die Kulissen der ebenso aufreibenden wie spannenden Polizeiarbeit werfen.

Heute sind wir erneut mit Polizeihauptkommissar Michael Kalausch verabredet. Wir dürfen mit ihm auf Streife gehen. Er ist der s.g. Kontaktbereichsbeamte für das Gebiet rechts und links der Nordhäuser Straße bis nach Gispersleben, einschließlich der Wohngebiete Berliner und Moskauer Platz. 33.000 Menschen leben hier.

Wir starten an seiner Bereichsgrenze direkt vor der Polizeiinspektion und wenden uns in Richtung Warschauer Straße. Wir gehen nebeneinander und sehen – nichts. Was also lässt den Polizeibeamten so konzentriert und aufmerksam blicken? Wir fragen nach und erfahren: “Ich halte hier zunächst Ausschau nach den Fahrzeugkennzeichen und welche Fahrzeuge ggf. nicht hierher gehören.“

Und schon entdeckt er einen Autoanhänger mit einem Skoda ohne Kennzeichen obendrauf. Er überprüft – wie auch immer – mit wenigen Blicken ins Fahrzeuginnere, ob das Auto aufgebrochen wurde. Wurde es nicht. Auch die Kollegen auf der Wache, die er zwischenzeitlich über Funk angefragt und die das Fahrzeug ins System eingegeben hatten, geben Entwarnung. Scheint alles in Ordnung.

Wir gehen weiter und an einem Balkon klopft der der Kontaktbereichsbeamte, die Balkontür wird geöffnet und es entspinnt sich eine kurze, offenkundig wichtige Unterhaltung. Wir bleiben in respektvollem Abstand zurück. Auch unsere Kamera kommt hier nicht zum Einsatz. Dienstgeheimnis.

Weiter zum Berliner Platz. Während wir noch auf den Weg achten, hat Michael Kalausch bereits Jugendliche zusammen stehen sehen, von denen einer – kaum dass er des Polizisten gewahr wird – in wirklich beeindruckendem Tempo davonläuft. Was Michael Kalausch mit den anderen Jugendlichen bespricht und was er sich notiert, bleibt wiederum geheim. Nur eine knappe Bemerkung an uns: „Den finden wir.“

Wir erleben immer wieder, dass der Kontaktbereichsbeamte (Was für ein Wortmonster! Wir kürzen ab sofort ab in KBB) von vielen freundlich gegrüßt und angesprochen wird. Man kennt ihn hier. Wie sehr man ihn schätzt, erfahren wir bei unserem nächsten Zwischenstopp in einem der Y-Bauten bei der Concierge. Der Kontakt zur den Pförtnern und Hausmeistern ist Michael Kalausch besonders wichtig. Hier erfährt er vieles aus dem Wohngebiet.

Nein, aufs Foto will die Dame nicht, aber zitieren dürfen wir sie: “Wir sind so froh, dass wir ihn hier haben. Er kümmert sich um die Bedürfnisse der Bürger. Man darf ihn jederzeit anrufen, immer hat er ein offenes Ohr.“ Das ist für das Ohr von Michael Kalausch offenbar zu viel Lob, er verlässt den Eingangsbereich bereits wieder.

„Ist Ihnen schon aufgefallen, wie wenig Graffiti wir hier an den Häuserwänden haben?“, wechselt er schnell das Thema. Nein – aber jetzt. Die Wohnungsunternehmen wie auch die WBG Zukunft haben die Häuser aufwändig saniert, die Fassaden sind gepflegt. „Und ich helfe mit, dass das möglichst lange so bleibt.“, verrät uns der KBB, allerdings sagt er uns nicht, wie er das hinbekommt.

Hier leben viele Menschen, denen es nicht gut geht, die keine Arbeit haben. Rentner, die einsam sind und einsam sterben, mitunter wochenlang nicht gefunden werden. „Manchmal gehe ich einfach hin, klingele und frage nach, wie’s geht. Das hilft schon. Oder wenn Familienstreitigkeiten sind, versuche ich zu schlichten und zu helfen.“

Wir machen Station bei Menschlichkeit e.V. und erleben bürgerschaftliches Engagement in Aktion. Auch hier ist man froh, Michael Kalausch zu sehen und sprechen zu können.

Das kleine Büro, das er im Wohngebiet unterhält, ist Anlaufstelle für all diejenigen, die Rat und Hilfe suchen, aber den Weg zur Polizeiinspektion scheuen. Es ist immer gut besucht.

Weiter geht es zum Moskauer Platz. Auch hier: Grüße von allen Seiten, immer wieder Einladung auf einen Kaffee, die Michael Kalausch regelmäßig ablehnt. Schauen, wie es den Geschäftsleuten geht, welche Schwierigkeiten die Verkäuferinnen haben. Der Rundgang endet am Thüringen-Park. Ein Pärchen streitet sich lautstark auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie spuckt ihrem Lebensgefährten ins Gesicht. Die Situation droht zu eskalieren. Michael Kalausch greift nachdrücklich, aber rücksichtsvoll ein und deeskaliert.

Was wir bei diesem Streifengang lernen: Die Polizei straft nicht nur, sie schlichtet, sie hilft, sie kümmert sich. Das haben wir in diesem Ausmaß nicht erwartet. Das entspricht nicht der Fernseh-“Realität“. Das hier ist das richtige Leben. Wir haben engagierte und kompetente Polizeibeamte kennen gelernt, die weit mehr machen, als man landläufig annehmen darf.

Danke für diesen anderen Blick auf die Dinge!

Autor: B. Köhler   Fotos: S. Forberg

Vor dem Streifgang ist die volle Ausrüstung anzulegen, auch zum eigenen Schutz.

Der Beginn unserer Streife, das Gebiet von Kontaktbereichsbeamten Michael Kalausch erstreckt sich von der Polizeiinspektion bis nach Gispersleben und sechs weitere Gemeinden.

Fremdes Fahrzeug, fehlendes Kennzeichen – prompte Überprüfung

 

Der Kontakt mit Concierges und Hausmeistern ist besonders wichtig. Und die zählen auf den umsichtigen KBB.

 

In der Außenstelle – zusätzliches Dienstzimmer mitten im Wohngebiet, Anlaufstelle für Menschen in Sorgen und Nöten.

 

Beim Menschlichkeit e.V. – ehrenamtliches Engagement in Aktion.

 

Auf so vieles ist zu achten, wir können kaum alles notieren.

 

Ein herrenloses Fahrrad am Fahrrad am Thüringenpark – der Sicherheitsdienst des Hauses macht darauf aufmerksam.