Hier haben viele gelernt und gearbeitet

Der Erfurter Norden war einst das Stadtgebiet mit der größten Dichte an Industriebetrieben. Viele von ihnen können auf eine erfolgreiche Entwicklung verweisen, haben die Herausforderungen unterschiedlicher Gesellschaftssysteme, sich ändernder Technologien und Marktbedingungen gemeistert. Für viele Menschen waren sie prägend, haben die doch hier ihre Ausbildung und nicht selten ein ganzes Berufsleben absolviert. Sie haben mit ihren Gebäuden den Erfurter Norden mit geprägt und mit den bei ihnen Beschäftigten ebenso.

Der jetzige Schaltanlagenbau Erfurt (SAE), früher VEM, dann Klöckner-Moeller, ist einer dieser Betriebe. 1948 gegründet aus den enteigneten technischen Büros von AEG und den Siemens-Schuckert-Werken, begann der Betrieb mit 500 Mitarbeitern, Energieversorgungs- und -verteilungsanlagen zu projektieren und zu montierten. Parallel dazu entwickelte sich die Fertigung von z.B. Hochspannungsprüfanlagen, Schaltschränken, Trafostationen. Zwischen 1959 und 1964 wurde das Hauptwerk in der Paul-Schäfer-Straße gebaut, auch heute noch der Stammsitz des Nachfolgeunternehmens SAE. Diverse Erweiterungsbauten und Außenstellen ermöglichten die Serienfertigung von Schaltanlagen in großem Stil – 1988 arbeiteten 2.300 Mitarbeiter in der VEM.

Im Jahre 1989 lieferte das Werk rund 10.000 Steuerungsanlagen mit einem Umsatz von 270 Millionen DDR-Mark an 55 Maschinenbaubetriebe der DDR, die ihrerseits ca. 90 Prozent ihrer Erzeugnisse auf dem Ostmarkt absetzten, der nach der politischen Wende ab 1990 gänzlich abbrach.

Heute kaum noch vorstellbar, was ein Unternehmen alles zu schultern hatte: Eigene Kindergärten, Kinderferienlager, Ferienobjekte für die Belegschaft, eigene Kantinen, eine Betriebsbibliothek, eine eigene Sanitätsstation mit Betriebsarzt Betriebssportgemeinschaft, ein Jugendclub, sogar eine eigene Betriebsfeuerwehr und eine Betriebskampfgruppe gehörten dazu.

Die für das Werk untypische und unrationelle, aber von der einstigen DDR-Führung geforderte Konsumgüterproduktion bedeutete eine zusätzliche Belastung: Die Herstellung von Geldstahlkassetten, Gartenzäunen, Motorschutzhauben für den „Wartburg“, Bratwurstrosten etc. passten nicht ins Portfolio.

Nach der Wende und unter völlig neuen Marktbedingungen konzentrierte man sich wieder auf das Kerngeschäft. Unterschiedliche Eigentümer, zuletzt die Moeller GmbH machten den Betrieb wieder wirtschaftlich mit durchaus schmerzhaften Einschnitten. Zuletzt kam die Fa. Moeller unter Druck, war international zu schnell expandiert. Hinzu kam, dass der Senior-Chef keinen Nachfolger hatte und so bot man in einem durchaus fairen Verfahren den langjährigen Führungskräften die Möglichkeit zu einem Management buy out für den Bereich der Fertigung von Maschinensteuerungen. Die anderen Unternehmensteile waren bereits verkauft worden. Und so entschlossen sich Wilfried Köditz (Leiter der Fertigung), Gudrun Schmidt (kaufmännische Leiterin) und Rainer Kreckler (Leiter der Projektierung) den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.

Wilfried Köditz verzichtete auf eine nicht unerhebliche Abfindung wegen langjähriger Betriebszugehörigkeit – er hatte bereits 1964 hier seine Lehre begonnen. Gefragt nach seinem Beweggrund antwortete er: „Erfurt ohne SAE – das geht gar nicht.“

2004 startete die "neue" SAE mit 136 Mitarbeitern. Heute umfasst die Gruppe vier Unternehmen mit rund 360 Beschäftigten. Der Umsatz ist von damals 22 auf jetzt rund 40 Millionen Euro gestiegen. Die Firma kann auf ein kontinuierliches Wachstum verweisen und stellt wieder Arbeitskräfte ein. Komplexe Schaltanlagen, intelligente Maschinensteuerungen und Energieverteilungen liefert SAE weltweit.

Die Unternehmensführung haben Wilfried Köditz und seine Mitausgründer inzwischen abgegeben. Seine Tochter Sandra leitet SAE seit 2014. Jahre vorher bereits ist sie auf diese Aufgabe vorbereitet worden: Studium der Betriebswirtschaftslehre, Geschäftsführerin in der Schwesterfirma ESV, Leiterin Rechnungswesen/Controlling bei SAE. Sie ist zur Unternehmerin des Jahres 2016 gekürt worden.

„Ich fühle mich sehr wohl hier, bin sehr technikaffin und gut vorbereitet worden auf diese Aufgabe.“, antwortet sie strahlend auf unsere Frage, wie man sich als Frau in einer solchen Männerdomäne durchsetzen könne. Man nimmt ihr das sofort ab und schon ist sie im nächsten Telefonat. Wir bedanken uns uns für diesen Einblick in eine spannende Firmen- und Familiengeschichte.

Hier interessante Fotos von heute und damals – viel Spaß beim Betrachten! 

Autor: B. Köhler   Fotos: S. Forberg   historische Fotos: SAE

Geschäftsführerin SAE Sandra Köditz mit ihrem Vorgänger, Wegbereiter und Vater Wilfried Köditz


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