Betriebsleiter Michael Nitschke in „seinem Element“ – mit beeindruckendem Wissen sowohl über technische Details als auch die großen Zusammenhänge.

Hätten Sie es gewusst?
Das kosten und leisten Straßenbahnen

Nach einer halben Million gefahrenen Kilometer, spätestens aber alle acht Jahre wird ein Straßenbahnwagen komplett in seine Einzelteile zerlegt. Und wieder zusammengebaut. Wenn alles kontrolliert, überarbeitet, repariert ist und Verschleißteile ausgetauscht sind.

Wir sind im Straßenbahndepot Nordhäuser Straße/Donaustraße verabredet mit Michael Nitschke, Betriebsleiter und Bereichsleiter Bau und Infrastruktur. Das Depot ist kein Depot, sondern eine beeindruckend große Werkstatt – ein Betriebshof, um ganz korrekt zu sein. Zwei solcher Betriebshöfe unterhält die EVAG, der andere liegt im Betriebsteil Südost, zudem eine Abstellanlage in der Magdeburger Allee. Während dort Karosserie und Innenausstattung regelmäßig überholt werden, obliegt den Technikern in der Donaustraße – auch wir bleiben bei der angestammten Bezeichnung – die Wartung all dessen, was sich unterhalb des Fahrgastraumes befindet: Fahrwerk, Räder, Reifen.

Ja – Straßenbahnen fahren auf Reifen. Aus Stahl. Radreifen. Und die leiden wie jeder Autoreifen unter Verschleiß. Reiben sich an den Schienen, verformen sich bei hartem Bremsen. Deshalb werden sie bei jeder (!) Ein- und Ausfahrt im Betriebshof Südost automatisch, computerbasiert vermessen. Jede noch so kleine Veränderung wird von der Technik erfasst. Sind die Toleranzen ausgeschöpft, geht es in die Werkstatt. Dort wird das komplette Fahrwerk getauscht und nach kürzester Zeit ist die Bahn wieder im Einsatz, während das Fahrwerk der erforderlichen akribischen Überarbeitung unterzogen wird. Zudem ist alle 30 Tage Inspektion.

Radreifen werden zum Zweck ihrer Überarbeitung und Reparatur gedreht, ungefähr drei bis vier Mal kann man das machen, dann muss ein neuer Reifen auf’s Rad geschraubt werden. Rund 300.000 Kilometer hält der. Im übrigen kann man die Radreifen nur in „Packungsgrößen“ von 1.000 Stück kaufen. Die 76 Bahnen der EVAG zusammengenommen haben 864 Räder. Man bedient man sich eines mit dem Hersteller vereinbarten Entnahmesystems und teilt sich die Lagerbestände mit Nordhausen, wo gleiche Straßenbahntypen unterwegs sind.

Neben den Radreifen sind die Bremsen eines der sensibelsten Teile, wie man leicht nachvollziehen kann. Die Techniker in der Nordhäuser Straße sind hoch spezialisiert, sind für die Überarbeitung und Reparatur der Bremsen vom Hersteller autorisiert und zertifiziert. Das Bremsenkabinett, in dem die Arbeiten vorgenommen werden, ist ein Reinstraum – weitgehend staub- und partikelfrei. Bei einer voll ausgeführte Bremsung würden Fahrgäste im Innenraum nicht mehr stehen können, zumindest nicht, wenn sie sich nicht gebührend festhalten.

Eine Straßenbahn, so erfahren wir, ist immer eine ganz individuelle Anfertigung. Über die Anzahl der Türen entscheiden auch die Achsen, bzw. die Radaufhängung. Eine so genannte 100-Prozent-Niederflurbahn z.B. hat keine Achsen, sondern ausschließlich Einzelradaufhängungen. Die Räder werden von Längsmotoren angetrieben und das bietet den Fahrgästen die Möglichkeit auf “flachem Boden“ durch die Bahn zu gehen. Eine Achse macht Stufen zu ihrer Überwindung im Fahrgastraum erforderlich. In Erfurt sind auch Bahnen unterwegs, die nicht vollständig als Niederflurbahnen gebaut sind, also sowohl über Achsen als auch über Einzelradaufhängungen verfügen. Dort, wo sich die drei Türen befinden, sind sie “niederflurig“, was Ein- und Ausstieg erleichtert. 16 solcher Wagen fahren in unserer Stadt, die anderen 60 sind 100-Prozent niederflurig.

Straßenbahnwaggons haben eine lange Erprobungs- und eine noch längere Lieferzeit – nämlich rund drei Jahre. Drei Millionen kostet ein einziger solcher Wagen und 32 Jahre muss er durchhalten. Während dieser Zeit kostet seine Instandhaltung noch einmal so viel wie die Anschaffung. Wir sind beeindruckt und bekommen ein Gefühl dafür, mit welchem finanziellen, materiellen und personellen Aufwand hier gearbeitet werden muss.

51 Millionen Fahrgäste haben die Bahnen der EVAG im vergangenen Jahr befördert, so viele wie seit 25 Jahren nicht. Jetzt befindet man sich in der Planung und Vorbereitung für die Bundesgartenschau, die 2021 Millionen zusätzlicher Besucher bringen soll und es stellt sich die Frage nach zusätzlichen Straßenbahnen. Rechnet man die Erprobungszeit von einem und die Wartezeit von drei Jahren, ist es höchste Zeit zu handeln. Michael Nitschke ist bereits mittendrin. Um viele Eindrücke bereichert, bedanken wir uns für eine gleichermaßen spannende wie informative Betriebsführung.

Autor: B. Köhler  Fotos: S. Forberg

Leise und sauber geht es in der großen Werkstatt zu. Jeder Mitarbeiter ist für seinen Bereich verantwortlich. Dieses Konzept scheint bestens zu funktionieren.

Die Tür zum Bremsenkabinett – ein Reinstraum zur Wartung der sensiblen Bauteile.

Straßenbahnwaschanlage

Ein Fahrwerk mit Längsmotor. Der treibt die hintereinander liegenden Räder an. Eine Achse ist deshalb nicht erforderlich.

Radreifen aus Stahl

Sie werden auf die Räder geschraubt.

Die Türen einer Straßenbahn sind das am meisten beanspruchte Bauteil: Alle 400 Meter öffnen und schließen sie sich. Bei einer halben Million zu fahrender Kilometer sind das 1.250.000 Öffnungen und Schließungen.

1930 ist das Depot Donaustraße in Betrieb gegangen, weswegen es heute noch “neues Depot“ heißt, denn das alte befindet sich in der Magdeburger Allee. 1975 wurde die Werkstatt um eine weitere Halle vergrößert.